Live-Versandkostenberechnung im Checkout und warum sie nicht funktioniert

Als wir mit unserer Arbeit an shipcloud begannen, wollten wir es vor allem für Entwickler einfach machen, auf die Schnittstellen der bestehenden Versanddienstleister zugreifen zu können. Nicht umsonst bezeichnen wir uns in unserem Mini-Pitch als "Stripe for Shipping". Wenn man sich jetzt einmal ansieht, wie unterschiedlich und komplex/konfus die einzelnen Schnittstellen der Versanddienstleister teilweise sein können, dann möchte man sich als Entwickler oftmals lieber einen anderen Job suchen, als sich mit diesem Thema dediziert beschäftigen zu müssen.

Selbstverständlich ging es uns mit shipcloud nicht ausschließlich darum, die Entwickler glücklich zu machen, sondern auch diejenigen, welche am Ende der Integration unseren Service Tag für Tag nutzen würden – die Händler.

Von der These zur Idee

Und hier dachten wir uns, können wir mit unserem Service eine echte Innovation im eCommerce schaffen. Über die Jahre hat es sich gezeigt – und wurde mittlerweile von zahlreichen Studien bestätigt – dass Nutzer eher dazu neigen, einen Kauf abzuschließen, wenn die von ihnen präferierte Zahlmethode (Nachnahme, Kreditkarte, ELV, etc.) vom jeweiligen Shop  angeboten wird. Den gleichen Zustand kann man aber auch beim Thema Versand feststellen. Sicherlich ist DHL immer noch der Platzhirsch. Gerade in Ballungszentren funktioniert die Zustellung bei der Masse an beförderten Paketen, im Vergleich zu anderen Dienstleistern, auf das Gesamtvolumen gesehen am besten. Und wenn diese einmal nicht erfolgreich war, so findet der Empfänger in den meisten Fällen eine Filiale der Post in unmittelbarer Nähe, um sein Paket spätestens am nächsten Werktag abholen zu können.

Doch wenn man die Großstädte verlässt, so nimmt die Dichte an Filialen immer weiter ab. Sein Paket abzuholen kann somit bedeuten, dass mehrere Kilometer mit dem Auto zurückgelegt werden müssen. Unter Umständen ist der nächste Service-Point eines Konkurrenten viel dichter gelegen, so dass der Kunde aus Sicherheitsgründen eher dazu neigen würde, diesen Versanddienstleister zu bevorzugen. Doch auch in den Großstädten gehen die persönlichen Präferenzen auseinander. So kann es sein, dass der Zusteller des einen Dienstleisters unzuverlässig ist und man somit lieber zu einem anderen Dienstleister greift, sofern dieser vom jeweiligen Händler unterstützt wird.

Um dieses Dilemma ein wenig besser handhabbar zu machen, dachten wir uns, dass man als Händler dem Kunden einen Schritt entgegen kommen könnte, wenn man es seinen Kunden erlaubt, die Versandart im Checkout-Prozess des Shops selber auszuwählen. Ein Vorgang, der bei den Zahlmethoden gang und gebe ist. Zugegeben – es handelt sich hierbei nicht um eine Innovation per se, denn klassischerweise wird diese Auswahl durch verschiedenste Händler bereits auf die eine oder andere Weise angeboten. Oftmals beschränken sich die Händler selber aber auf gerade einmal einen Versanddienstleister, da sie hier ihre eigenen Präferenzen verfolgen.

Das Novum, welches wir "pushen" wollten, sollte die Live Versandkostenberechnung im Checkout-Prozess sein. Dies bedeutet, dass der Käufer den Versanddienstleister nicht nur anhand seiner persönlichen Präferenz auswählt, sondern auch anhand des Preises, welche ihn diese Versandmarke kostet. Für die Händler würde dies bedeuten, dass sie komplett transparent in den Versandkosten sind und der Kunde immer den günstigsten Preis bekomment. Gerade in Zeiten in denen die Nutzer ihre Kaufentscheidung ganz stark auch von den Versand- und Retourebedingungen abhängig machen, wäre dies eine Möglichkeit, um neue Käufer für den eigenen Shop zu begeistern.

Die Umsetzung

WooCommerce sollte das Plugin werden, in welchem wir diese Live-Versandkostenberechnung im Checkout anbieten wollten. Ein Shopsystem, welches als Plugin für WordPress seinen Anfang hatte und mittlerweile auch zu Automattic, dem Mutterkonzern hinter WordPress gehört. In den Einstellungen des shipcloud for WooCommerce Plugins kann der Verkäufer einstellen, ob er selber oder der Käufer entscheiden kann, welcher Dienstleister für den Versand verwendet werden soll. Kann die Versandmethode durch den Kunden ausgewählt werden, so bekommt dieser im Checkout-Prozess die Versanddienstleister angezeigt, welche der Verkäufer in den Einstellungen seines Plugins aktiviert hat. Für jeden Eintrag wird dafür unsere Schnittstelle aufgerufen und ein entsprechender Preis berechnet. Einfacher und transparenter kann der Vorgang für den Käufer eigentlich nicht geschehen.

Klingt super – aber!

Die Idee selber hört sich zunächst einmal simpel an, bis man über die diversen Dinge stolpert, die nach und nach das eigentliche Thema immer breiter und damit auch komplexer werden lassen. Uns war zum Zeitpunkt der Entwicklung zum Beispiel schlichtweg nicht bewusst, dass im Checkout-Prozess unter Umständen noch gar nicht alle Informationen vorliegen, die man benötigt, um eine valide und definitive Aussage über den konkreten Preis einer Sendung treffen zu können.

Anhand von Vorgaben der Carrier und zur Ermittlung des korrekten Preises aus den vorhandenen Preislisten, braucht man leider nicht nur die Adresse von der aus eine Sendung auf ihre Reise zum Empfänger geht, sondern auch jene des Empfängers. Der Grund hierfür ist relativ simpel, denn in einzelnen Ländern bzw. bei einigen Versanddienstleistern kann der Preis einer Versandmarke zum Beispiel auch von einer Zone innerhalb des jeweiligen Landes (eingegrenzt z.B. durch ein Postleitzahlgebiet) abhängig sein.

Automatische Paketgrößenberechnung

Einer der großen Knackpunkte bei der Live-Versandkostenberechnung ist allerdings die automatische Berechnung der Dimensionen einer Sendung. Es ist zwar möglich, Verträge mit den Versanddienstleistern abzuschließen, die rein durch das beförderte Gewicht beschränkt sind, aber in vielen Fällen, stützen sich die Preise der Dienstleister zusätzlich noch auf die Abmaße einer Sendung. Je größer oder unförmiger eine Sendung wird, sie also nicht mehr so einfach zu transportieren ist, umso teurer wird selbstverständlich der Versand. Um diese Informationen ermitteln zu können, ist es allerdings nötig, die Daten der im Warenkorb befindlichen Produkte zu untersuchen und eine entsprechende Berechnung durchzuführen, bei der am Ende das passende Paket mit seinen Abmaßen ermittelt wird. Um dies zu erreichen, müssten aber zusätzliche Bedingungen erfüllt sein.

Zum Einen ist es zwingend erforderlich, dass der Verkäufer bei allen seiner Produkten die entsprechenden Daten gepflegt hat, was in den seltensten Fällen zutrifft. Die Berechnung des Pakets selber ist dann ebenfalls von zusätzlichen Faktoren abhängig, denn nicht jeder Verkäufer hat Pakete in unterschiedlichen Größen vorrätig. Viele greifen auf 1-3 Standardgrößen zurück und wenn ein Paket voll ist, dann wird ein zusätzliches gepackt. All diese Dinge müsste man bei einer Live-Versandkostenberechnung im Checkout mitbedenken bzw. der Verkäufer müsste vorher die entsprechenden Regeln hierfür selber im System pflegen. Ein Problem so groß, dass einer unser Mitbewerber am Markt kurz nach der Einführung eines solchen Features zur Berechnung der passenden Paketgröße vom Markt verschwand. Schließlich definiert man durch eine automatische Zuordnung in Kartons berechnet nach der Größe der Artikel ja auch direkt schon den Packprozess beim Verkäufer.

In unserem ersten Versuch haben wir für dieses Problem ein sogenanntes "virtuelles Paket" eingeführt, das versucht zu berechnen, wie groß der nötige Karton sein müsste. Diese Berechnung war natürlich ziemlich rudimentär und hatte auch so Dinge wie den Versand von Rollen nicht beinhaltet. Am Ende mussten wir uns auch entscheiden, was passieren soll, wenn die Größe eines Pakets nicht automatisch berechnet werden kann. Ein Fallback-Preis ist in unserem Plugin hinterlegt, der verwendet wird, wenn man (aus einem von verschiedenen Gründen) nicht berechnen kann, welche Maße das Paket haben soll. Es wäre somit also weiterhin möglich, so etwas wie eine Versandkostenpauschale dazustellen, die unabhängig von der Größe des jeweiligen Pakets einen festen Wert für den Versand zurück gibt.

Knackpunkt Preisliste

Logistikpreise (nicht nur im Versandhandel) sind abhängig von verschiedensten Faktoren. Nicht nur das reine Volumen, also die Menge an Paketen, die ein Händler verschickt, hat Einfluss auf den Preis, sondern auch, welche Maße und Gewicht die Pakete haben. Wie bereits erwähnt, verhandeln manche Händler Preise mit den Versanddienstleistern, bei denen das Gewicht der Pakete bis zu einem Maximalgewicht von 31,5kg unwichtig ist. Andere wiederum lassen sich gute Preise für bestimmte Paketmaße oder den Versand in andere Länder und/oder Regionen von ihren Account-Managern machen. Da können die jeweiligen Verhandlungspartner einige Dinge aushandeln, die eben nicht in den Standard-Listen der Versanddienstleister ausgewiesen werden.

Wir als Shipping Service Provider haben es an dieser Stelle natürlich nicht so einfach. Rein theoretisch müsste jeder Kunde die Möglichkeit haben, sein Vertragskonstrukt bei shipcloud nachbauen zu können, um so innerhalb unserer Plattform die Möglichkeit zu haben, immer genau zu wissen, was ihn ein Paket in den jeweiligen Abmaßen und dem entsprechenden Gewicht kostet. Dass wir dies (aktuell) nicht anbieten hat mehrere Gründe. Zum Einen wollen wir gar nicht, dass die Kunden ein komplexes Regelwerk bei uns nachbilden müssen, zum Anderen sind dies natürlich auch Firmengeheimnisse der jeweiligen Kunden, die sie gar nicht erst bekannt machen wollen. Aus diesen Gründen haben wir uns direkt zu Beginn dafür entschieden, dass es eine automatische Preisberechnung nur für die Versanddienstleister geben kann, bei denen der Kunde unsere Verträge verwendet. Denn dort wissen wir genau, wie der Preis ist für die Daten, die an uns übergeben werden.

Dies bedeutet aber im Umkehrschluss für die automatische Preisanzeige innerhalb des Checkout-Prozesses, dass es bei Kunden, die eigene Konditionen zum Erstellen von Versandmarken nutzen, gar keine Preisberechnung geben kann, da uns die Preise nicht bekannt sind.

Aufpreise durch Zusatzgebühren

Selbst wenn es nun möglich wäre, dass ein Kunde seine Preislisten-Struktur bei shipcloud hinterlegen kann, so würde dies nur ein erster Schritt in der Verringerung der Komplexität dieses Themas sein. Zusätzlich müsste z.B. eine Möglichkeit geschaffen werden, Zusatzgebühren zu errichten und in die Berechnung des Preises einzubeziehen. Allerdings hat jeder Händler andere Regeln, die er für die Berechnung von Versandpreisen anwenden möchte. Manche möchten einen Aufschlag für bestimmte Länder aufrechnen, andere wiederum wollen für bestimmte Versandmethoden (z.B. Expresssendungen) pro Dienstleister einen bestimmten Betrag als Extragebühr aufschlagen. Dies hätte zur Folge, dass alle Plugin-Hersteller somit gezwungen wären, die Möglichkeiten eines Regelwerks zur Berechnung von Versandpreisen in Zusammenspiel mit den von shipcloud berechneten Preisen anzubieten. Innerhalb des jeweils verwendeten Systems müsste alles so konfigurierbar gemacht werden, dass alle Möglichkeiten und Sonderfälle beinhaltet sind, die sich Kunden so wünschen könnten.

Zusätzliche Kosten durch falsche Daten

Am Ende schützen alle Preislisten und Konfigurationsmöglichkeiten nicht davor, dass inkorrekte Angaben gemacht werden und so die Preise mit falschen Annahmen berechnet werden. Legt der Händler z.B. einen Katalog bzw. eine andere Beilage in den Karton, die das Gewicht der Sendung merklich erhöht, werden Lieferscheine oder zusätzliche Informationen von außen an das Paket geklebt oder der Versanddienstleister muss einen Empfänger mehrfach anfahren um die Sendung zuzustellen, so kann es zu Nachberechnungen kommen. Diese Kosten kennen weder Verkäufer noch shipcloud im Voraus, so dass sie dem Käufer innerhalb des Checkouts nicht in Rechnung gestellt werden können.

Auch die Angabe einer nicht korrekten Zieladresse führt gerne einmal dazu, dass der Versanddienstleister eine zusätzliche Gebühr für die Leitcodierung erhebt, weil das eigene System die Adresse nicht findet. In Paris muss der Zusteller ggf. einen Code kennen, um für die Zustellung das jeweilige Gebäude betreten zu können. Alles Themen, die im Voraus nicht bekannt sind und bei denen der Verkäufer spätere Zusatzgebühren schlucken muss.

Und deshalb

Es ist immer noch der schlauste und einfachste Weg, wenn man in seinem Onlineshop eine Versandkostenpauschale anbietet. Eine Staffelung nach Zustellungsland ist hier üblich und jeder Kunde weiß direkt im Voraus, was er zu zahlen hat, sobald die Liste studiert wurde. Selbstverständlich handelt es sich bei der Versandkostenpauschale um eine Mischkalkulation. Auch ein guter Händler wird ab und zu einmal bei einem Paket draufzahlen müssen, aber im Mittel wird er ein paar Cent Gewinn machen und hat direkt sein Verpackungsmaterial und die Arbeitszeit mit eingerechnet. Diese sind übrigens bei der Live-Versandkostenberechnung im Checkout auch nicht drin und müssten über ein entsprechendes Regelwerk ebenfalls hinterlegt werden.

Post Skriptum

Eine Sache, die wir bei der Bewerbung dieses Features ebenfalls nicht beachtet hatten, war die gestiegene Anzahl an API-Anfragen, die damit einher gehen. Eigentlich eine ganz banale Sache – für jede mögliche Versandart muss ein API-Aufruf an das shipcloud System erfolgen, damit der jeweilige Preis ermittelt und an das anfragende System übertragen werden kann. Bietet man als shipcloud Kunde also in seinem Shop fünf unterschiedliche von shipcloud unterstützte Versandmöglichkeiten innerhalb des Checkouts an, so werden auch fünf Anfragen an das System gestellt. Man muss kein Mathematiker sein um zu erkennen, dass sich bei einem gut frequentierten Shop die Anzahl der API-Anfragen so schnell um ein Vielfaches erhöht. Die Folge: Kunden, welche die Live-Versandkostenberechnung im Checkout in ihrem Shop anbieten kommen schnell an ihr jeweiliges Limit.

Die Zukunft

Bisher war unser Woocommerce Plugin die erste und einzige Integration, in welcher wir die Live-Versandkostenberechnung im Checkout angeboten haben. Diese werden wir aus den o.g. Gründen zukünftig in dieser Form wieder ausbauen und eine andere Möglichkeit für die Nutzer anbieten, welche dichter an der komplexen Realität der Versandkostenberechnung ist. Aller Voraussicht nach, wird es sich hierbei um eine Erweiterung der Versandkostenpauschale handelt, bei welcher der Kunde dann die von shipcloud zur Verfügung gestellten Carrier pro Zielregion definieren kann.

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